„Musik entsteht nicht im luftleeren Raum“
Wer steckt eigentlich hinter der Musik, die wir täglich hören? Mit dem neuen Themenportal „Musikwirtschaft“ (Link) macht das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) die vielfältigen Akteur*innen und Zusammenhänge der Branche abbilden. Warum das gerade jetzt wichtig ist, erklärt miz-Leiter Stephan Schulmeister im Interview.
GVL: Mit dem neuen Themenportal Musikwirtschaft will das miz die Branche systematisch sichtbar machen. Warum braucht es dieses Angebot gerade jetzt?
Stephan Schulmeistrat: Die Musikwirtschaft befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandel. Plattformen, Streaming und KI verändern Produktions- und Vermarktungsprozesse ebenso wie Fragen der Vergütung und Rechtewahrnehmung. Gleichzeitig wird Musik in der öffentlichen Wahrnehmung häufig noch immer vor allem als kulturelles oder kreatives Gut verstanden – weniger als Teil eines komplexen Gefüges, das von vielen unterschiedlichen Akteur*innen getragen wird.
Vielen ist gar nicht bewusst, wie eng Kreative, Verlage, Labels, Verwertungsgesellschaften, Veranstalter, Musikfachhandel oder auch der Musikinstrumentenbau miteinander, aber auch mit anderen Bereichen des Musiklebens verflochten sind. Genau diese Zusammenhänge wollen wir sichtbar machen.
Dabei geht es nicht darum, Kunst zu ökonomisieren, sondern die Rahmenbedingungen sichtbar zu machen, unter denen musikalisches Schaffen überhaupt möglich wird. Musik entsteht nicht im luftleeren Raum. Hinter ihr stehen Rechteketten, Wertschöpfungsprozesse und Infrastrukturen, die oft erst dann sichtbar werden, wenn sie unter Druck geraten.
Das Themenportal greift zentrale Entwicklungen wie Digitalisierung, KI und Internationalisierung auf. Welche Orientierung kann es Künstler*innen, Labels und anderen Akteur*innen der Branche in diesem Wandel geben?
Unser Ziel ist es, diese Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten, sondern in größere Zusammenhänge einzuordnen. Das Portal bündelt Daten, Analysen und Hintergrundinformationen zu den verschiedenen Teilmärkten der Musikwirtschaft und zeigt, wie stark diese miteinander verbunden sind.
Gerade für Künstler*innen und Labels ist es wichtig, wirtschaftliche Mechanismen und strukturelle Veränderungen besser nachvollziehen zu können, etwa bei Fragen der Sichtbarkeit auf Plattformen, der Vergütung im Streaming oder der Rolle von Verwertungsgesellschaften im digitalen Umfeld.
Zugleich bündelt das Themenportal Wissen zur Musikwirtschaft, das bislang oft über zahlreiche Studien, Branchenberichte und Einzelpublikationen verstreut war. Neben Fachbeiträgen und Analysen bietet das miz außerdem eine umfangreiche Infrastrukturdatenbank mit Akteur*innen und Ansprechpartnern der Branche – von Verbänden, Ausbildungsstätten und Unternehmen bis hin zu Medien und weiteren Einrichtungen des Musiklebens.
Wir erleben derzeit, dass technologische Entwicklungen häufig schneller verlaufen als öffentliche oder politische Debatten darüber. Das Themenportal soll deshalb keine einfachen Antworten liefern, sondern Orientierung ermöglichen und Entwicklungen nachvollziehbar machen.
Was sollte aus deiner Sicht nach der Beschäftigung mit dem Portal hängen bleiben – bei Branche, Politik und Öffentlichkeit?
Vor allem die Erkenntnis, dass die Musikwirtschaft weit mehr ist als die Summe einzelner Teilmärkte. Oft wird noch in relativ getrennten Branchenlogiken gedacht. Tatsächlich wirken sich Veränderungen in einem Bereich unmittelbar auf andere Bereiche aus. Wenn etwa Erlöse im Streaming unter Druck geraten oder sich Hörgewohnheiten verändern, betrifft das langfristig nicht nur Labels und Kreative, sondern auch das Live-Geschäft, Musikverlage oder die Nachwuchsförderung.
Ein Beispiel: Wenn weniger junge Menschen musizieren oder ein Instrument erlernen, wirkt sich das langfristig nicht nur auf einzelne Branchen, sondern auf das gesamte musikalische Gefüge aus – vom Instrumentenbau über Musikverlage bis hin zum Konzertwesen.
Gerade diese Zusammenhänge werden häufig unterschätzt. Das Portal möchte deshalb zeigen, wie eng wirtschaftliche, kulturelle und politische Entwicklungen miteinander verbunden sind. Und vielleicht auch das Bewusstsein dafür stärken, dass kulturelle Vielfalt stabile Rahmenbedingungen braucht – faire Vergütung, funktionierende Rechtewahrnehmung und langfristig tragfähige kulturelle Infrastrukturen.
