Sprungnavigation
Hauptmenu Schließen
Zurück zur News-Übersicht

Interview: „Wir brauchen neue Allianzen für die Musik“

4 Fragen an die Präsidentin des Deutschen Musikrats (DMR), Prof. Lydia Grün

Wir haben mit der neuen Präsidentin des DMR, Prof. Lydia Grün darüber gesprochen, warum sie Musik als „Gesellschaftskraft“ stärken will. Der Druck auf die musikalische Bildung wächst, neue Allianzen sind gefragt, sagt sie. Außerdem macht sie klar, worauf es jetzt ankommt: mehr Teilhabe und eine stärkere Verankerung von Musik in allen Lebensbereichen. 

Prof Lydia Grün Querformat (c) Raumfotografin Barbara Meyer-Selinger.jpg
Foto © Barbara Meyer-Selinger

 

GVL: Was sind Ihre zentralen Anliegen als neue Präsidentin des Deutschen Musikrats?

Prof. Lydia Grün: Musik braucht starke Stimmen – mit dieser Vision habe ich für das Amt als Präsidentin kandidiert. In diesem Sinne verstehe ich mich als Vernetzerin, Moderatorin und im Schulterschluss mit allen unseren Mitgliedern als Kommunikatorin. Musik als „Gesellschaftskraft“ zu stärken, ist unsere Kernaufgabe als Deutscher Musikrat (DMR). Das beleuchten wir auch differenziert in unserer aktuellen Publikation „Wie klingt unsere Demokratie?“. Die Basis dafür bildet für mich die musikalische Bildung, die jedoch aktuell massiv unter Druck gerät. Wir brauchen daher starke, auch neue Allianzen für die Musik. Ich möchte den Deutschen Musikrat weiter öffnen und so den Anspruch versuchen einzulösen, alle musizierenden Menschen und Musikschaffenden in Deutschland zu vertreten. Deshalb müssen wir als Dachverband aktiver einladen, die vielfältigen Erfahrungshorizonte von Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Biografien stärker integrieren und uns offen austauschen und voneinander lernen.

Was motiviert Sie persönlich am meisten an Ihrer neuen Aufgabe?

Die Aufbruchsstimmung im Deutschen Musikrat ist für mich derzeit deutlich zu spüren und wird sich mit der anstehenden Neubesetzung von rund 200 ehrenamtlichen Positionen in unseren Bundesfachausschüssen und Projektbeiräten weiter intensivieren. Im Zusammenwirken des neu gewählten Präsidiums, des Generalsekretariats und der Projektgesellschaft öffnen sich zudem neue spannende Gestaltungsspielräume. Als Präsidentin des DMR e.V. und Aufsichtsratsvorsitzende der DMR gGmbH sehe ich in unserer Struktur ein enormes Potenzial: Die in Bonn angesiedelten Projekte des Deutschen Musikrats sind die „klingenden Botschafter“, die unsere im Generalsekretariat erarbeiteten musikpolitischen Ziele direkt erlebbar machen. Diese enge Verzahnung ist weltweit einmalig. 

Welche Entwicklungen in der Musikkultur bereiten Ihnen aktuell die größten Sorgen?

Die Befunde der im November 2025 vorgestellten MiKADO-Musik-Studie sind ein Alarmsignal: Der gravierende Mangel an musikpädagogischem Fach-Personal führt zu einer Erosion der musikalischen Bildung in ganz Deutschland, der wir vehement entgegenwirken müssen. Unser Ziel bleibt die gerechte Teilhabe und Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen an der Welt der Musik.

Gleichzeitig steht die Musikwelt vor massiven Umbrüchen und Herausforderungen – vom Umgang mit künstlicher Intelligenz und den damit verbundenen Urheberrechtsfragen bis hin zu den prekären Existenzbedingungen freischaffender Musiker*innen. Diese Themen lassen sich nicht isoliert betrachten: Sie brauchen vernetztes Denken und Handeln. Genau hier liegt die Stärke des Deutschen Musikrats. Die vielfältige Expertise unserer Mitglieder ist eine wichtige Basis, um diese komplexen Entwicklungen nicht nur zu begleiten und zu reflektieren, sondern aktiv und solidarisch mitzugestalten.

Was braucht es, damit Musik in allen Lebensbereichen wieder selbstverständlicher wird – von Schule bis Alltag?

Wir brauchen Räume für musikalische Begegnungen – und zwar überall dort, wo Menschen zusammenkommen: in Kitas und Schulen, in Musikvereinen und religiösen Kontexten und auch in Seniorenheimen und der Tagespflege. In einer Zeit, die zunehmend von digitalen „Bubbles“ und wachsender Einsamkeit geprägt ist, bietet das Musikleben eine einzigartige Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Gemeinsames Musizieren stiftet Freude, stärkt die Gemeinschaft und trainiert ganz nebenbei unsere Konfliktfähigkeit. Musik ist zudem eine kostbare Ressource für die psychische und körperliche Gesundheit. Damit dieses Potenzial voll ausgeschöpft werden kann, braucht es echte Wertschätzung und angemessene Rahmenbedingungen. Dafür setzen wir uns als Deutscher Musikrat gegenüber Politik und Zivilgesellschaft mit Nachdruck ein.

Lydia Grün ist Musikwissenschaftlerin, Kulturmanagerin und Hochschullehrerin. Seit 2022 ist sie Präsidentin der Hochschule für Musik und Theater München und seit Oktober 2025 Präsidentin des Deutschen Musikrats (DMR). Zuvor war sie in verschiedenen Positionen des Kulturbetriebs und der musikalischen Hochschulbildung tätig.